Narkosebehandlung völlig unproblematisch?

Freitag, 21. Mai 2010

Manchmal werde ich von Eltern, die selber unter Zahnarztangst leiden gefragt, ob ihre Kinder auch unter Narkose behandelt werden können. Ich stehe dieser Behandlung sehr kritisch gegenüber, weil das Risiko zum Nutzen für mich in keinem Verhältnis steht. Wenn Kinder von den Eltern gut auf eine Behandlung vorbereitet werden und zusätzlich Hypnosetechniken eingesetzt werden,  lassen sich Kinder meistens sehr gut behandeln.

(Von einer Kollegin wurde mir der unten angehängte Leserbrief zur Verfügung gestellt)

Zur dpa-Meldung, veröffentlicht am 6./7. Februar 2010: "Zweijähriger stirbt nach Zahn-Behandlung"

Einem Narkosearzt wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, weil nach einer Zahnbehandlung unter Vollnarkose ein Zweijähriger gestorben ist. Da die Zahnbehandlung in einer Zahnarztpraxis durchgeführt wurde, gehe ich davon aus, dass es sich nicht um einen Unfall bzw. akuten Notfall gehandelt hat, sondern um die Sanierung eines Kindes mit Frühkindlicher Karies, auch "Nuckelflaschenkaries" genannt. Nun frage ich mich, was kann der Anästhesist dafür, dass das Kind im Alter von zwei Jahren schon so zerstörte Milchzähne hatte und nur in Vollnarkose behandelt werden konnte. Wie jeder medizinische Eingriff  hat auch die Narkose ein entsprechendes Risiko.
Bei 95 % der Zweijährigen und 85 % der Dreijährigen in Sachsen sind alle Zähne gesund, haben die zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst ergeben. Also sind doch gesunde Zähne die Norm und durchaus problemlos möglich. Ist die Schuldfrage in diesem Fall nicht an die Eltern weiter zu geben? Kann man nicht von Körperverletzung durch die Eltern sprechen, wenn diese die einfachsten Maßnahmen der Kariesprophylaxe wie Zähne putzen mit dem ersten Zahn, Vermeiden von süßen Zwischenmahlzeiten, von gesüßten Getränken oder Obstsäften in der Flasche und dem Dauernuckeln an den Trinkflaschen einfach vernachlässigen?
Manchmal habe ich das Gefühl, es ist jetzt "in" zur "Zahn-Op" zu gehen. Auch größere Kinder berichten, dass sie beim Zahnarzt geschlafen haben und gar nicht bemerkten, wie gebohrt, gefüllt und gezogen wurde. Aber dass die Zahnzerstörung ja eine Ursache hat und Karies wirklich vermeidbar ist, scheint noch nicht in das Bewusstsein vorgedrungen zu sein, wie der o.g. Zeitungsartikel zeigt.

Dr. Grit Hantzsche, Pirna